Am 17. September 2023 endete im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg die Ausstellung der New Yorker Künstlerinnengruppe Guerrilla Girls mit dem Titel «F*word — Guerrilla Girls und feministisches Grafikdesign». Im Jahr 1989 machten die Guerrilla Girls mit dem Slogan «Do women have to be naked to get into the Met. Museum of Art» auf sich aufmerksam. Inzwischen gelten sie als eines der bekanntesten feministischen Kunstkollektive. Für die Guerrilla Girls ist es nicht die erste Ausstellung in Deutschland. Häufig werden nicht nur die bisherigen Arbeiten des Kollektivs gezeigt, sondern es wird auch mit der Sammlung des lokalen Museums zusammengearbeitet. In Hamburg hat das kuratorische Team die Anzahl der Künstlerinnen in der Grafik- und Plakatsammlung des Museums statistisch ermittelt. Das Ergebnis wird in Form eines Posters und eines großen Banners der Guerrilla Girls selbst in der Ausstellung und am Museumsgebäude präsentiert.
Auf dem Plakat ist ein Franzbrötchen abgebildet, neben dem ein kleiner Krümel liegt. Der Slogan lautet: «Dieses Franzbrötchen repräsentieret die 400.000 grafischen Arbeiten im MK&G. Dieser Krümel steht für die Arbeiten von Frauen: 1,5 Prozent». Die Ausstellung in Hamburg war ein echter Blockbuster für das Publikum, aber nicht nur! In der Pressemitteilung des Museums wird der Kultursenator Carsten Brosda zitiert, der die Gleichberechtigung von Frauen und nicht-weißen Künstlerinnen als die wichtige politische Agenda der Landesregierung bestätigt. Um die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern zu bekämpfen, lädt das Museum die Besucher*innen ein, den Ankauf von feministischen Grafiken finanziell zu unterstützen und selbst Kaufangebote zu machen. Die Initiative trägt den Namen «collectiv*f» und hat eine eigene Seite auf der Website des Museums.
Für die Ausstellung wurden mehrere Räume zur Verfügung gestellt. Zwei davon enthalten Werke der Guerrilla Girls selbst, ein anderer enthält zeitgenössische Plakate, darunter auch Plakate zur Solidarität mit der Ukraine «We Stand with Ukraine». Im letzten Raum wurde die sogenannte «Petersburger Hängung» mit historischen Plakaten von Künstlerinnen des 19. und 20. Jahrhunderts gezeigt. In diesem Raum hing an einer Wand ein großes Plakat aus dem Jahr 1933 mit der Aufschrift auf Ukrainisch: „Proletarische Frau zu neuen Siegen! Für Technik, Kultur und eine neue Lebensweise!“, unterzeichnet von M. (Marina) Volkova. Auf dem Plakat sind die Vertreterinnen verschiedener Berufe der Stalinzeit abgebildet: eine Bäuerin mit einem roten Buch, eine Arbeiterin mit einem Stück Eisenbahnschiene, eine Bergarbeiterin, eine Chauffeurin, eine Krankenschwester und eine Parteiführerin mit rotem Kopftuch und ihrem Pioniersohn. Sie alle stehen vor dem Hintergrund einer Industrielandschaft mit Flugzeugen am Himmel.

An der Wand gegenüber hing ein ganz anderes Plakat, das im Jugendstil gestaltet war. Es zeigte eine Muse mit erhobener Hand und die Aufschrift auf Russisch: «Plakatausstellung in der Stroganow Schule» (1897). Als Autorin des Werkes war Elizabeta Kekuschewa angegeben, von der ich noch nie etwas gehört hatte. Als Absolvent der Stroganov-Universität (Stroganovka) fiel mir diese Tatsache auf. Ich war nur durch den Fehler in der Schreibweise des Namens verwirrt. Ich hatte zuvor bemerkt, dass das kyrillische «в» in der Transliteration als lateinisches «b» geschrieben wurde. Als ich nach Hause kam und den Namen der Künstlerin in eine Suchmaschine eingab, kamen meine Frau und ich ziemlich schnell zu dem Schluss, dass erstens Google fast nichts über Elizaveta Kekusheva weiß. Und zweitens stand auf der Website der Tretjakow-Galerie dasselbe Plakat unter dem Namen des berühmten Moskauer Architekten Lev Kekushev, der auch als Stroganovs Lehrer bekannt war. Es wurde deutlich, dass das Plakat höchstwahrscheinlich von Lev Kekuschev und nicht von Elizaveta Kekuscheva erstellt wurde. Im Internet findet sich auf einigen Seiten eine falsche Zuschreibung der Autorschaft. Man kann nur vermuten, wie das Museum diese Zuschreibung übernommen hat. Leider hat Julia Meer, die Kuratorin der Ausstellung und Leiterin der Grafikabteilung, nicht auf meine Anfrage geantwortet, aber einige Zeit später, nach der Schließung der Ausstellung, haben Sie der Berliner Zeitschrift „Monopol“ ein Interview gegeben, in dem Sie sagten, dass alle Plakate der Guerrilla Girls direkt von den Autorinnen erworben wurden, ohne Beteiligung von Auktionshäusern.
Natürlich kann es bei jedem Museumsprojekt zu solchen unangenehmen Fehltritten kommen, und statistisch gesehen hat unsere 5-minütige Internetrecherche den Krümel des Franzbrötchens noch kleiner gemacht und damit die Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern noch ein wenig vergrößert. Wahrscheinlich macht es keinen Sinn, darüber zu schreiben, aber ich erlaube mir trotzdem einen kritischen Ton. Das Problem ist meiner Meinung nach nicht nur ein Fehler und nicht nur, dass es keine*n gibt, der*die osteuropäische Kunst studiert. Das eigentliche Problem besteht darin, dass die Zweideutigkeit der Kekushevs das Konzept der Ausstellung selbst in Frage stellt, das ein Monopol auf alles Feministische in der Kunst beansprucht. Für die Guerrilla Girls sind die Werke anderer Künstlerinnen das Material ihrer eigenen kreativen Arbeit. Es scheint, als ob die Logik der Museumskritik in ihrer Interpretation voll und ganz funktioniert. Die in Prozenten ausgedrückte Ungerechtigkeit ist für das Museumspublikum beunruhigend und überzeugt es von der Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Dies ist die Hauptbotschaft der Arbeit von Guerrilla Girls, die darauf abzielt, die Repräsentation von Künstlerinnen in Museen zu verändern. Doch sobald wir erfahren, dass das Plakat von Elizaveta Kekusheva von einer anderen Person angefertigt wurde, kommen Zweifel auf und diese Botschaft wird unterminiert. Weder Google noch die Museumskurator*innen wissen von Kekusheva, und schon gar nicht die Guerrilla Girls. Diese Gleichgültigkeit gegenüber der Künstlerin lässt eine Leerstelle entstehen: Das ausgestellte Werk wird orientalisiert und als nicht wertvoll für eine eigene Untersuchung dargestellt. Gleichzeitig zeigt der Mangel an neuen Erkenntnissen über Kekusheva die Haltung des (westlich emanzipierten und patriarchalisch russländischen) Mainstreams gegenüber der Kunst, die in einem lokalen Kontext und von einer lokalen Künstlerin geschaffen wurde.









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